Alle Preisträger chronologisch bis 1995:

2016

Uwe Kolbe wurde 1957 in Berlin-Ost geboren und lebt heute in Hamburg. Seine lyrische Begabung wurde früh schon von Franz Fühmann erkannt, der als Mentor wesentlichen Einfluss auf Kolbes Werdegang hatte und ihm 1982 die erste Westreise ermöglichte, ihn sogar dabei begleitete.Hineingeboren heißt sein erster Gedichtband (1980) und deutet schon die Kritik an dem Land an, in das er hineingeboren wurde. „Das poetische Grundmaterial dieser Gedichte,die darin eingeschriebene Landschaft ist ein kindlich und unreflektiert aufgesogenes Nachkriegsberlin. Dieser Fundus ist für mich noch lange nicht ausgeschrieben“, kommentierte Kolbe 2007 seinen ersten Band. Natur und Stadt, Sonett und freie Form, wird er in seinem Gedichtband Lietzenlieder (2013), in dem er seine Herkunftslandschaft neuerlich aufsucht, wiederzusammenbringen, das Sagenhafte, Unheimliche, ja Verbrecherische einer zu Recht versunkenen, dennoch unvergessenen Welt. Vineta, die untergegangene Insel, ist einer seine Topoi (z.B. Gedichtband dieses Titels von 1998). Verschwunden wird schließlich auch das “Dreibuchstabenland“ (s. Vinetas Archive von 2011) sein und dennoch Kolbes dichterischer Gegenstand bleiben.Sein 2014 bei S. Fischer veröffentlichter, teilweise autobiografischer Roman Die Lüge bearbeitet den Vater-Sohn Widerspruch, in dem Kolbe mit dem DDR- Befürworter-Vater gelebt haben muss. Kolbes Vater war Führungsoffizier für Informelle Mitarbeiter bei der Stasi, während der Sohn sich einer welch immer auch gearteten Karriere in der DDR verweigerte, und nachdem ihm das Veröffentlichen unmöglich gemacht wird, sich lieber mit Gelegenheitsarbeiten und Übersetzungen und Mitarbeit bei Untergrundzeitschriften durchschlägt. Dass er einmal über den Weg nach Westen ein erfolgreicher Schriftsteller wird, ließ sich damals nicht absehen.Zuletzt erschienen von Uwe Kolbe neben dem Roman die Essays Vinetas Archive. Annäherungen an Gründe im Wallstein Verlag, Göttingen 2011, Mein Usedom im Mareverlag, Hamburg 2014 und die Gedichtbände Lietzenlieder (2012) und Gegenreden (2015) beide bei S.Fischer in Frankfurt am Main, wo im März 2016 auch sein Essay Brecht. Rollenmodell eines Dichters erscheinen wird.

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2015

Volker Sielaff wurde 1966 in Großröhrsdorf, Lausitz, geboren und lebt mit seiner Familie in Dresden. Seit den frühen 90er-Jahren veröffentlichte er Gedichte und Essays in renommierten Zeitschriften wie manuskripte oder diwan, Kritiken (oft über Lyrik) im Berliner Tagesspiegel oder für die Frankfurter Rundschau. Sein erster Lyrikband Postkarte für Nofretete erschien 2003 bei zu Klampen, sein zweiter Selbstporträt mit Zwerg folgte im Jahr 2011 bei Luxbooks. „Sielaff ist sich bewusst, dass der Ort des Gedichts eher am Rande liegt, doch als Dichter erlaubt er sich, die Welt auch von einem peripheren Standort zu betrachten“, schreibt die Jury in ihrer Begründung für die Wahl Siellaffs. „An der Notwendigkeit von Dichtung und der Anverwandlung der Welt durch Sprache hegt er nicht den geringsten Zweifel. Er ist ein Meister darin, im scheinbar Beiläufigen die zentralen Fragestellungen der menschlichen Existenz zu entwickeln. Seine Liebesdichtung ist nicht (nur) romantisch. Seine Themen sind, wie in der klassischen Dichtung, das Naturgedicht, das Dinggedicht. Und er schreibt das Jahrtausende alte Gespräch innerhalb der Lyrik fort: In Selbstportrait mit Zwerg werden unter anderen Platon, Francis Ponge, William Carlos Williams und Robert Creeley zitiert.

Zu würdigen ist dieser Dichter auch als Literaturvermittler. Für die Zeitschrift Sprache im technischen Zeitalter präsentiert er einmal jährlich eine Lyrikerin oder einen Lyriker aus Osteuropa in der Kolumne Auf Tritt Die Poesie. In der von Hans Thill herausgegebenen Reihe Poesie der Nachbarn wirkte er in dem 2014 erschienenen Band Stillleben mit Crash. Gedichte aus Polen an der Übersetzung polnischer Gegenwartslyrik mit. Volker Sielaffs neuer Gedichtband Glossar des Prinzen erscheint im März 2015 bei Luxbooks.“

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2015

Elke Erb wurde 1938 in Scherbach in der Eifel geboren und ging 1949 mit ihrer Familie in den Osten Deutschlands. „Entgegen allen Einengungen, die mit der Doktrin vom sozialistischen Realismus einhergingen, hielt sie an einer radikal subjektiven Sprache fest, die gleichwohl ein kritisches Verhältnis zu gesellschaftlichen Prozessen behauptete, die ja immer auch Bewusstseinsprozesse sind. Unter gewandelten Marktbedingungen blieb sie ihrem anspruchsvollen Schreiben treu. In ihrer hochreflexiven Sprache, die dem Sprechen der Menschen ebenso wie dem eigenen Denken, Sehen und Fühlen abgelauscht ist, hat sie seit den sechziger Jahren vor allem in Gedichten, aber auch in tagebuchartiger, grenzgängerischer Prosa ein poetisches Journal angelegt, das in der deutschsprachigen Dichtung unserer Tage seinesgleichen sucht. Dieses poetische Journal stellt zugleich ein Inventar der sinnlichen Dinge, der konkreten Wahrnehmungen und Erinnerungen dar. Zu ihren bedeutendsten Büchern zählen die Gedichtbände Vexierbild, Kastanienallee und Sonanz. Sie hat auch als Übersetzerin aus dem Russischen wichtige Beiträge zur Gegenwartsliteratur geleistet, mehr noch als engagierte Fürsprecherin und Begleiterin junger, oftmals experimenteller Autoren, sowohl in der literarischen Szene der späten DDR wie auch in der Lyrikszene unserer Tage.” begründet die Jury ihre Entscheidung.

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2014

In ihren Gedichtbüchern, unter denen „Dschinn“ (S. Fischer 2007) und „fremd gedanken“ (Horlemann 2012) besonders hervorzuheben sind, vertritt sie eine Poetik, die einmal nicht aus der Kälte kommt – anders als der Hauptstrom der zeitgenössischen Poesie. Zeilen von hoher Sinnlichkeit, genauer Natur- und Alltagswahrnehmung und einer schlafwandlerisch sicheren Verwandlung des Lebensstoffs in poetische Schwebezustände zeichnen Schiffners Gedichte aus. Ohne Rücksicht auf literarische Moden verbindet sie eine Vorliebe für die Tradition des romantischen Kunstlieds mit schmerzlich genauen Aufrissen autobiographischer Motive. Ihre Gedichte entzünden sich an Erinnerungsfetzen und Augenblickswahrnehmungen, kleinen und großen Epiphanien, sie bewahren im Wortsinn Andenken auf, kreisen um die Brüchigkeit menschlicher Bindungen, den Verlust von Liebe und Freundschaft und familiäre Verwerfungen und setzen der Vergänglichkeit immer aufs Neue das Gedicht entgegen. In freien Versen von betörender Schönheit und oftmals verstörenden Details überrascht Sabine Schiffner immer wieder mit neuen Fragmenten einer einzigen großen Erzählung: von den Wunden und den Wundern einer subjektiven Weltaneignung, die zwischen Sehnsucht, erfülltem Augenblick, Bruch und Verletzung das einzige Heil in der Aufzeichnung findet.

Sabine Schiffner wurde 1965 in Bremen geboren. Sie studierte Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften, Germanistik und Pädagogische Psychologie in Köln, wo sie nach einem mehrjährigen Aufenthalt auf Mallorca heute wieder lebt. In ihrem jüngsten Band „fremd gedanken“ findet sie zu stark anrührenden Versen, die mit einer glücklichen Verbindung aus Tiefe und Leichtigkeit ihr Leben im Süden zwischen Aufbruch und Scheitern Revue passieren lassen. In einem ganz eigenen Ton, der ihre gereifte und sich stets treu gebliebene Gedichtsprache an wechselnden Sujets erprobt, bringt sie in die zeitgenössische Lyrik eine verloren geglaubte Melodie zurück. Ihr Werk umfasst bis heute vier Gedichtbände sowie den mit dem Jürgen-Ponto-Preis ausgezeichneten Roman „Kindbettfieber“ (S. Fischer 2005).

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2014

Der 1960 in Waldsassen in der Oberpfalz geborene Gegenwartsschriftsteller arbeitet seit frühester Jugend über Genregrenzen hinweg an einem rhizomartigen Gesamtkunstwerk. Grundfigur und Auslöser dieses mittlerweile groß angewachsenen Werks ist Wenzel, der sein ganzes Leben als Knecht in der Hendelmühl, gearbeitet hat. Die Hendelmühl ist der Aussiedlerhof an der deutsch-tschechischen Grenze, in dem Werner Fritsch aufgewachsen ist und wo er neben Berlin noch heute seinen zweiten Wohnsitz hat. In seinem 1987 bei Suhrkamp erschienenen fulminanten Debütroman Cherubim lässt Fritsch den Knecht aus seinem Leben erzählen. Damit erzählt Fritsch aus der Sicht eines ungebildeten Helden, eines sozial an unterster Stufe stehenden Outsiders Lokalgeschichte, die durch die Verknüpfung mit dem von Wenzel erlebten Dritten Reich aber sofort eine Dimension annimmt, die weit über das bloß Lokale hinausweist.  

Mit diesem ersten Buch sind schon einige Konstanten des Fritschschen Werks festgelegt. Das Interesse an einem biographischen Hintergrund, die Kunst der Verfremdung durch Sprache, der Spagat zwischen lokalem Setting und Weltpolitik, die Rhythmik des Erzählens, die Reibung an der deutschen Geschichte und an deutschen Mythen. Typisch für ihn ist das Arbeiten in verschiedenen Medien, in Prosa, Lyrik, Film, Hörspiel und Theater.  

Neben Wenzel gibt es auch noch andere Schlüsselgestalten für das Werk Werner Fritschs, etwa die deutsche Velvet Underground Sängerin Nico oder die Ehefrau Görings, Emmy Göring. Ein seit langem von ihm behandelter „Deutscher Mythos“ ist der Fauststoff. Zugleich nimmt die Auseinandersetzung mit seiner Heimat einen wichtigen Teil in seinem Werk ein. So verarbeitete er den Wondreber Totentanz (1998) nach Motiven von Abraham a Santa Clara. Auch in seiner Filmarbeit taucht immer wieder seine Herkunftsprovinz auf. Früh schon entstanden die Filme »Das sind die Gewitter in der Natur« (1988) und »Disteln für die Droste« (1997), später folgte »Ich wie ein Vogel« (2008), doch ist »Faust Sonnengesang« (2011-2012), sein filmisches und dichterisches Hauptwerk. In seinen viel beachteten „Frankfurter Poetik-Vorlesungen 2009“, in der edition Suhrkamp unter Die Alchemie der Utopie erschienen, skizziert er sein alle Gattungsgrenzen überschreitendes Werk.

Erstmals wird die Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung durch den Lions-Club/München dotiert.

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