Alle Preisträger chronologisch bis 1995:

2019

Sherko Fatah, 1964 als Sohn einer ostdeutschenMutter und eines irakischen Vaters geboren, in Berlin, Irak und Wienaufgewachsen, ist einer der interessantesten interkulturellen Autoren. 2001, imJahr der Anschläge auf das World Trade Center, erschien sein erster Roman ImGrenzland. Ein Titel mit Ansage: Denn in diesem wie in den folgenden fünf Romanenbewegt sich Fatah als Grenzgänger zwischen Abendland und Morgenland. Seine Figuren flüchten im »dunklen Schiff« aus der irakischen Provinz nach Berlinoder andersherum, sie kommen als Forschungsreisende in den Irak oder gelangenals Entführungsopfer von Gotteskriegern an den »letzten Ort«. Ihre Geschichtensind imprägniert von Erfahrungen durch Gewalt und Verletzungen, siebezeugen die fatale Verquickung von Krieg und Religion in den Krisenregionendes Nahen Ostens und zeigen eine kaum zu überbrückende Fremdheit der Lebenswelten.Persönliche Grenzsituationen, grausame moralische Konflikte werdenillusionslos und sich aller Wertungen enthaltend gezeigt. So ist der kulturelleGrenzraum auch immer einer der Grenzen des Verstehens, vielmehr einer, in derLeserinnen und Leser ein fatales oder tragisches Nicht-Verstehen erfassen können.Das ist eine Leistung, die durch die politischen Entwicklungen der letztenJahrzehnte von Buch zu Buch an Wichtigkeit gewonnen hat. Fatah hat ein imbesten Sinne aufklärerisches Werk geschaffen, das 2019 mit der Ehrengabe derEugen Viehof-Ehrengabenstiftung ausgezeichnet wird. – Die Laudatio bei derPreisverleihung wird Katrin Lange halten.

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2019

Sina Klein, geboren 1983, studierte Romanistik in ihrer Geburtsstadt Düsseldorf und lebt als freie Autorin in Wien. Im Klever Verlag erschienen ihre Gedichtbände Narkotische Kirschen (2014) und skaphander (2018). Ihre Gedichte, geschult an Vorbildern wie Rimbaud und Unica Zürn, überführen das ana-grammatische Spiel mit Lauten und Buchstaben in dichte, hochmusikalische Gebilde, die eine in der Gegenwartslyrik selten gewordene Dringlichkeit entfalten. Viele dieser Gedichte lassen sich als Liebesgedichte lesen, die das uralte Werben und Bangen um die Anwesenheit des Anderen mit der Frage verknüpfen, wie einsam uns die digitale Welt macht. Ist das Gedicht selbst eine künstliche Hülle, ein »skaphander« (Taucheranzug), der zugleich schützt und isoliert? Mit solcher Ambivalenz lädt Sina Klein ihre Gedichte auf, ohne einfache Antworten zu liefern, doch mit dem unverzichtbar guten Ohr für den Fall der Silben, für Reim und Rhythmus.

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2019

Thomas Stangl, geboren 1966, hat bislang vier Romane und zwei Essaybände publiziert. An ihnen lässt sich ablesen, dass das Schreiben eine singuläre Existenzform sein kann. Seine Bücher führen uns nach Afrika, in das Wien der 30er-Jahre, auf die Anti-Haider Demonstrationen und ins Altenheim. Sie greifen aus, zeitlich wie topografisch, haben verschiedenste Protagonisten und situieren doch alles Geschehen konsequent in einem Bewusstsein, das Wahrnehmungsschärfe, Erinnerungsseismographik und Nachdenklichkeit vereint. Den Zugriff auf Welt und Seele macht solche sprachliche Polyphonie nicht einfach, das wissen Leser bereits aus den großen Bewusstseinsromanen des 20. Jahrhunderts. Es ist dies das Gegenteil von jeder modernen Poetik, die sich den Oberflächen verschreibt. Und doch gibt es kein Buch von Thomas Stangl, in dem man nicht mit Glück und Staunen erfährt, wie unverwechselbar literarische Sprache auch im Erschreiben unserer Zeit ist.

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2018

Thomas Melle, geboren 1975 in Bonn, debütierte 2007 mit dem Erzählband „Raumforderungen“. In den Jahren 2011 und 2014 folgten die Romane „Sickster“ und „3000 Euro“. Einem größeren Publikum wurde er 2016 mit seinem Buch „Die Welt im Rücken“ bekannt. Thomas Melle hat sich zu einer der eindringlichsten Stimmen der jüngeren Literatur entwickelt – seine Texte erzählen schonungslos aus der gehetzten Gegenwart Berlins im jungen 21. Jahrhundert, getragen von einer Sprache, die unterschiedlichste Register souverän einzusetzen weiß. Schon in seinem Debüt „Sickster“ vermeidet Melle den selbstgefälligen Berlin-Roman eines abgeklärten, orientierungslosen Hauptstadt-Bewohners. Sein autobiographisch grundiertes Buch „Die Welt im Rücken“ geht weit über einen selbstreferenziellen Krankheitsbericht eines bipolaren Mannes hinaus, es besticht nicht nur durch sein konzentriertes, reflektiertes Schreiben „um das eigene Leben“, darüber hinaus ist es auch als ein grandioser Großstadtroman zu lesen. Aus Melles gekonntem Erzählen mit seiner unbedingten Nähe zur Gegenwart entsteht ein Werk, das den Leser umstandslos in den Bann zieht.

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2018

Anna-Katharina Hahn, geboren 1970 im Raum Stuttgart, hat bisher zwei Erzählbände („Sommerloch“, 2000; „Kavaliersdelikt“, 2004) und drei Romane („Kürzere Tage“, 2009; „Am Schwarzen Berg“, 2012; „Das Kleid meiner Mutter“, 2016) veröffentlicht. Anna Katharina Hahn kann wunderbar beobachten und verschiedene Milieus beschreiben; sie erweist sich dabei auch als ausdauernde Chronistin ihrer Heimatstadt Stuttgart. Ihre Themen bezieht sie aus der Gegenwart, auch ihre Sprache ist zupackend heutig und zugleich an den literarischen Vorbildern der Vergangenheit geschult. Hahn bricht Strukturen auf, täuscht Erwartungen, lässt märchenhafte Wendungen zu – und stets spielt dabei im Hintergrund die Literatur eine große Rolle, von der Schauerromantik bis zu Gottfried Benn. Denn letztlich geht es dieser Schriftstellerin immer um die Beschreibung der lebensverändernden Kraft von Literatur – und um die Veränderung der Literatur selbst.

Mit der Entscheidung folgte das Kuratorium der Deutschen Schillerstiftung von 1859 dem Votum ihrer Jury (Thomas Geiger, Norbert Hummelt, Katrin Lange, Antje Weber und Helge Pfannenschmidt).

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