Alle Preisträger chronologisch bis 1995:

2019

Gisela von Wysocki, geboren 1940, erhält 2020 die Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung von 1859. Im Jahr 2016 sorgte Gisela von Wysocki mit ihrem autobiografisch gefärbten Roman Wiesengrund für Furore. In der literarisch dichten Annäherung an Theodor W. Adorno zeigt sich ihr ganzes Können als Erzählerin. Die Art und Weise, wie sie die politisch aufgeladene, intellektuell stimulierende, aber auch bedrückend-einengende Atmosphäre im Frankfurt der frühen 60er-Jahre einfängt; wie sie die Wirkungsmacht dieses charismatischen Denkers am konkreten Beispiel einer weiblichen Bildungsgeschichte beschreibt; wie sie ihn gleichzeitig ver- und entzaubert, ist schlicht meisterhaft – und höchst unterhaltsam. Für viele Leser war der Roman die erste Begegnung mit der Autorin. Dabei blickte sie zu dieser Zeit bereits auf ein Lebenswerk zurück. Seit vier Jahrzehnten beschäftigt sich Gisela von Wysocki u.a. mit Fotokunst, Musik und Körperbewusstsein. Aus ihrer Feder stammen Hörspiele, Theaterstücke, Essays, ihren ersten Roman legte sie mit 70 Jahren vor (Wir machen Musik«, 2010). Die Deutsche Schillerstiftung würdigt mit der Ehrengabe nicht nur ein Werk, sondern auch die sich darin aussprechende Haltung: Lange bevor es dafür Resonanz in den Medien und Programmplätze in den großen Verlagen gab, rückte sie in ihren biografischen Essays Frauen in den Blick, die den für sie begrenzten Raum durchbrachen (Die Fröste der Freiheit. Aufbruchsphantasien, 1980). – Die Laudatio bei der Preisverleihung wird Hubert Spiegel halten.

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2019

Thomas Stangl, geboren 1966, hat bislang vier Romane und zwei Essaybände publiziert. An ihnen lässt sich ablesen, dass das Schreiben eine singuläre Existenzform sein kann. Seine Bücher führen uns nach Afrika, in das Wien der 30er-Jahre, auf die Anti-Haider Demonstrationen und ins Altenheim. Sie greifen aus, zeitlich wie topografisch, haben verschiedenste Protagonisten und situieren doch alles Geschehen konsequent in einem Bewusstsein, das Wahrnehmungsschärfe, Erinnerungsseismographik und Nachdenklichkeit vereint. Den Zugriff auf Welt und Seele macht solche sprachliche Polyphonie nicht einfach, das wissen Leser bereits aus den großen Bewusstseinsromanen des 20. Jahrhunderts. Es ist dies das Gegenteil von jeder modernen Poetik, die sich den Oberflächen verschreibt. Und doch gibt es kein Buch von Thomas Stangl, in dem man nicht mit Glück und Staunen erfährt, wie unverwechselbar literarische Sprache auch im Erschreiben unserer Zeit ist.

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2018

Thomas Melle, geboren 1975 in Bonn, debütierte 2007 mit dem Erzählband „Raumforderungen“. In den Jahren 2011 und 2014 folgten die Romane „Sickster“ und „3000 Euro“. Einem größeren Publikum wurde er 2016 mit seinem Buch „Die Welt im Rücken“ bekannt. Thomas Melle hat sich zu einer der eindringlichsten Stimmen der jüngeren Literatur entwickelt – seine Texte erzählen schonungslos aus der gehetzten Gegenwart Berlins im jungen 21. Jahrhundert, getragen von einer Sprache, die unterschiedlichste Register souverän einzusetzen weiß. Schon in seinem Debüt „Sickster“ vermeidet Melle den selbstgefälligen Berlin-Roman eines abgeklärten, orientierungslosen Hauptstadt-Bewohners. Sein autobiographisch grundiertes Buch „Die Welt im Rücken“ geht weit über einen selbstreferenziellen Krankheitsbericht eines bipolaren Mannes hinaus, es besticht nicht nur durch sein konzentriertes, reflektiertes Schreiben „um das eigene Leben“, darüber hinaus ist es auch als ein grandioser Großstadtroman zu lesen. Aus Melles gekonntem Erzählen mit seiner unbedingten Nähe zur Gegenwart entsteht ein Werk, das den Leser umstandslos in den Bann zieht.

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2017

Er debütierte 1982 mit dem Band Ich lag im Garten bei Kleinzschachwitz, dem vor der Wende dann noch der Gedichtband Schneebier folgte. In ihrer Entscheidungsbegründung würdigt die Jury Thomas Rosenlöcher als »einen Meister der melancholischen Ironie; zugleich war das die Haltung, mit der er dem Staat begegnete, in dem er lebte und schrieb. Seine oft mit genauer Naturbeobachtung einsetzenden Gedichte behaupten eine romantisch-widerständige Nischenexistenz, die er dann, unter geänderten gesellschaftlichen Verhältnissen, im vereinigten Deutschland fortführte. Mit seinem Dresdner Wende-Tagebuch Die verkauften Pflastersteine wurde er einem westdeutschen Publikum bekannt, weitere Prosabände folgten. Sein Hauptwerk aber gilt dem Gedicht, dem er in unverwechselbarer Handschrift Töne ablockt, die bitter fehlten, gäbe es sie nicht – nachlesbar zuletzt in dem Band Hirngefunkel (Insel Verlag 2012), der ausgewählte und neue Gedichte des Autors vereinigt.« Thomas Rosenlöcher wurde 1947 in Dresden geboren und studierte zunächst Betriebswissenschaft. Hierauf folgte ein Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Zuletzt erschienen von Thomas Rosenlöcher neben dem Roman Hirngefunkel (2012) Das Gänseblümchen, die Katze & der Zaun (2015). Die Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung wird zum vierten Mal verliehen und ist mit 10.000 Euro dotiert. Die Laudatio hält der Schriftsteller Norbert Hummelt.

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2016

Uwe Kolbe wurde 1957 in Berlin-Ost geboren und lebt heute in Hamburg. Seine lyrische Begabung wurde früh schon von Franz Fühmann erkannt, der als Mentor wesentlichen Einfluss auf Kolbes Werdegang hatte und ihm 1982 die erste Westreise ermöglichte, ihn sogar dabei begleitete.Hineingeboren heißt sein erster Gedichtband (1980) und deutet schon die Kritik an dem Land an, in das er hineingeboren wurde. „Das poetische Grundmaterial dieser Gedichte,die darin eingeschriebene Landschaft ist ein kindlich und unreflektiert aufgesogenes Nachkriegsberlin. Dieser Fundus ist für mich noch lange nicht ausgeschrieben“, kommentierte Kolbe 2007 seinen ersten Band. Natur und Stadt, Sonett und freie Form, wird er in seinem Gedichtband Lietzenlieder (2013), in dem er seine Herkunftslandschaft neuerlich aufsucht, wiederzusammenbringen, das Sagenhafte, Unheimliche, ja Verbrecherische einer zu Recht versunkenen, dennoch unvergessenen Welt. Vineta, die untergegangene Insel, ist einer seine Topoi (z.B. Gedichtband dieses Titels von 1998). Verschwunden wird schließlich auch das “Dreibuchstabenland“ (s. Vinetas Archive von 2011) sein und dennoch Kolbes dichterischer Gegenstand bleiben.Sein 2014 bei S. Fischer veröffentlichter, teilweise autobiografischer Roman Die Lüge bearbeitet den Vater-Sohn Widerspruch, in dem Kolbe mit dem DDR- Befürworter-Vater gelebt haben muss. Kolbes Vater war Führungsoffizier für Informelle Mitarbeiter bei der Stasi, während der Sohn sich einer welch immer auch gearteten Karriere in der DDR verweigerte, und nachdem ihm das Veröffentlichen unmöglich gemacht wird, sich lieber mit Gelegenheitsarbeiten und Übersetzungen und Mitarbeit bei Untergrundzeitschriften durchschlägt. Dass er einmal über den Weg nach Westen ein erfolgreicher Schriftsteller wird, ließ sich damals nicht absehen.Zuletzt erschienen von Uwe Kolbe neben dem Roman die Essays Vinetas Archive. Annäherungen an Gründe im Wallstein Verlag, Göttingen 2011, Mein Usedom im Mareverlag, Hamburg 2014 und die Gedichtbände Lietzenlieder (2012) und Gegenreden (2015) beide bei S.Fischer in Frankfurt am Main, wo im März 2016 auch sein Essay Brecht. Rollenmodell eines Dichters erscheinen wird.

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